Rember Yahuarcani
„Die Mythen sind die Flüsse unserer Erinnerung. Sie sind das Leben. Sie sind der Ursprung. In ihnen ist unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere wertvolle Zukunft.
Die Mythen sind die Flüsse, in denen die Erinnerungen unserer Ahnen leben und wo sich Ihre weisen Worte des Widerstands gegen Vergessen, Diskriminierung und Ausgrenzung offenbaren.“
Von indigener Kosmovision zur zeitgenössischen indigenen Kunst
Rember Yahuarcani ist Künstler, Autor und Aktivist der Uitoto-Nation und nimmt einen eigenständigen Platz innerhalb der zeitgenössischen indigenen Kunst ein.
Seine Malerei ist von der Kosmovision der Uitoto geprägt, in der spirituelle Wesen, Pflanzen, Tiere und Menschen Teil derselben Wirklichkeit sind. Die Grenzen zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem, zwischen Sichtbarem, Traum, Erinnerung und Mythos bleiben dabei offen.
Sein Werk schöpft aus den Geschichten, dem Wissen und der kollektiven Erinnerung seiner Gemeinschaft ebenso wie aus seinem eigenen Leben im Amazonas. Die Ahnenwelt und die mündlichen Erzählungen der Uitoto sind dabei nicht bloß Überlieferung, sondern Teil einer lebendigen Gegenwart.
Zwischen ausdrucksvoller Leuchtkraft und minutiöser Detailarbeit entfaltet Yahuarcani eine Bildwelt, in der dieses Verständnis der Wirklichkeit eine zeitgenössische Form findet. Wesen, Figuren und pulsierende Texturen erscheinen, verwandeln sich und scheinen bisweilen ineinander aufzugehen.
Wie ein Fluss verharren auch die Erzählungen nicht in der Vergangenheit. Sie fließen weiter und nehmen in seiner Malerei neue Formen an. Manche Bilder besitzen die Intensität einer Vision, andere öffnen Räume der Meditation und Stille.
Auch wenn seine Malerei für Betrachterinnen und Betrachter ohne Kenntnis ihrer kulturellen Bezüge zunächst unvertraut erscheinen mag, geht es nicht um die vollständige Deutung jedes Symbols. Ein Teil ihrer Kraft liegt gerade in dem, was intuitiv spürbar wird und sich dennoch eindeutiger Einordnung entzieht.
Die Geschichten in Yahuarcanis Werk tragen Erinnerung, Wissen und Vorstellungen über die Beziehung zwischen Menschen, Territorium und anderen Lebewesen weiter.
Für ihn ist Malerei auch eine Möglichkeit, dieses Wissen lebendig zu halten und an neue Generationen weiterzugeben.
Nicht als etwas Unveränderliches, das bewahrt werden muss, sondern als Teil einer Kultur, die weiterdenkt, Neues schafft und sich verändert.
Diese kulturelle Dimension verbindet sich mit einem klaren Bewusstsein für die Gegenwart.
In seinem Werk finden sich Themen, die indigene Gemeinschaften im Amazonas unmittelbar betreffen: Territorium, Bildung, Gesundheit und Selbstbestimmung.
Seine Bilder illustrieren jedoch keinen politischen Diskurs. Diese Fragen sind vielmehr Teil derselben Wirklichkeit, aus der auch seine Geschichten hervorgehen.
Überliefertes Wissen und aktuelle Lebenswirklichkeit bilden bei Yahuarcani eine untrennbare Einheit. Tradition ist für ihn keine nostalgische Erinnerung, sondern eine lebendige Grundlage für neue Vorstellungen und Sehweisen.
Trotz seiner zunehmend internationalen Laufbahn bleibt Yahuarcani seiner Gemeinschaft und seinem Territorium eng verbunden.
Immer wieder kehrt er zu seiner Familie zurück, in ein Leben, aus dem seine Malerei bis heute schöpft.
Das Territorium, die Menschen und die Geschichten, die dort weiterleben, bleiben der Ursprung seines Werks.
Rember Yahuarcanis Werk wurde weltweit in Museen und Kulturinstitutionen sowie auf der Biennale von Venedig 2024 gezeigt und ist in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Er ist zudem ein mehrfach ausgezeichneter Autor.
Sein literarisches Werk und seine Malerei schöpfen aus derselben Quelle:
der Erinnerung, den Erzählungen und dem Wissen des Amazonas.