Die Erweiterung des Seins Teil IV

Prolog

Das 17. Jahrhundert war für Europa ein Zeitalter der Erschütterung. Kriege schienen den Kontinent kaum je zur Ruhe kommen zu lassen. In Teilen des Heiligen Römischen Reiches riss das Zusammenspiel von Gewalt, Seuchen und Hunger fast die Hälfte der Bevölkerung hinweg.

Mit der Kolonialisierung der Neuen Welt verlagerte sich der Schwerpunkt der europäischen Wirtschaft allmählich vom Mittelmeer an den Atlantik. Während Spanien das Silber aus den Kolonien schöpfte, entstanden in Amsterdam und London die Finanz- und Handelszentren, in denen sich der neue Reichtum sammelte und vermehrte.

Spanien geriet trotz der gewaltigen Silberflut immer stärker in Abhängigkeit und Verschuldung. Es produzierte immer weniger eigene Waren und deckte einen Großteil seines Bedarfs durch Importe. Das Silber aus Übersee floss an ausländische Gläubiger, diente der Schuldentilgung, der Finanzierung des Hofes und der Unterhaltung der Armeen. So wurden die Bankhäuser des Kontinents reich und einflussreich; mit ihrem Kapital wuchsen in Nordeuropa Handel, Manufaktur und Schiffbau.

Am Ende dieser Verschiebung stand eine neue Ordnung. Die wirtschaftliche und politische Dynamik Europas verlagerte sich vom Süden in den Norden. Die Niederlande und England wurden zu den Zentren einer globalen, kapitalistisch geprägten Moderne.

Vom Feudalismus zum Merkantilismus

Im 17. Jahrhundert wurde der Merkantilismus für viele europäische Staaten zum wirtschaftlichen Leitbild. Er beruhte auf der Vorstellung, dass Reichtum nur begrenzt vermehrbar sei und sich staatliche Macht vor allem durch die Aneignung von Edelmetallen, Rohstoffen und Handelsvorteilen steigern lasse.

Wer mehr für sich beanspruchte, ließ anderen weniger. Diese Logik förderte koloniale Expansion und Handelskriege. Reichtum galt zunehmend als Voraussetzung politischer Macht und militärischer Durchsetzung. Mit dem Aufstieg der großen Handelskompanien begann ein neuer Abschnitt der Wirtschaftsgeschichte und eine neue Form globaler Machtausübung.

Die 1600 gegründete Englische Ostindien-Kompanie und die 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie erhielten Handelsprivilegien und Monopolrechte in weiten Regionen. Doch sie waren weit mehr als Handelsunternehmen. Mit eigenen Armeen, und Flotten vereinten sie wirtschaftliche, militärische und politische Macht in einer für die Zeit neuartigen Form.
Ihre Organisations- und Herrschaftsmodelle wurden zu prägenden Vorbildern kolonialer Expansion in den folgenden Jahrhunderten.

Ihr Aufstieg, ebenso wie die wachsende Konzentration von Reichtum in den Händen weniger, beschleunigte den Zerfall älterer feudaler Strukturen. Schritt für Schritt trat an ihre Stelle eine Ordnung, die sich immer deutlicher am Profit orientierte. Während in Europa der Dreißigjährige Krieg tobte, unterwarf sich der Kontinent zunehmend einem anderen Maßstab: dem des Kapitals.

Noch war die europäische Wirtschaft weitgehend auf den Binnenhandel angewiesen. 
Doch kolonial importierte Luxusgüter wie Gewürze, Tee und Zucker wurden zu begehrten Statussymbolen. Lange blieben sie dem Adel und den reichsten Eliten vorbehalten.
Zwar gab es im 16. Jahrhundert in Städten wie Antwerpen, Amsterdam oder Augsburg eine wohlhabende Kaufmannsschicht, doch die große Mehrheit der Bevölkerung sah von Zucker, Tee oder Nelken kaum je etwas.

Die frühe Moderne

Die Reformation zerriss die Einheit der christlichen Kirche und stellte ihre Dogmen infrage.

Die Kirche, die jahrhundertelang Hüterin der Wahrheit gewesen war, verlor zunehmend ihre unangefochtene Autorität. Katholiken und Protestanten bekämpften einander mit einer Grausamkeit, deren Spuren Europa bis heute prägen.

Die Spanische Inquisition wütete, der Dreißigjährige Krieg tobte, und in diesem zerrissenen Europa entstanden die entscheidenden Werke der frühen Aufklärung.

Doch nicht nur der Glaube wurde infrage gestellt. Auch das Weltbild zerfiel: Kopernikus hatte 1543 gezeigt, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums stand. Giordano Bruno wurde 1600 verbrannt; seine Vorstellung eines unendlichen Universums galt vielen Zeitgenossen als unerträglicher Angriff auf die Ordnung der Welt.

Tycho Brahe markierte einen entscheidenden Moment im Übergang zu einem neuen Weltverständnis. Als er 1572 einen „neuen Stern“ am Himmel beobachtete, vertraute er nicht überlieferten Gewissheiten, sondern präzisen Messungen. Damit geriet eine grundlegende Annahme seiner Zeit ins Wanken: Der Himmel war nicht länger der perfekte, unveränderliche Raum, als den man ihn verstanden hatte.

Johannes Kepler trieb diesen Wandel weiter voran. Er beschrieb die Bewegung der Planeten mit bis dahin unerreichter Genauigkeit und zeigte, dass sie keinen vollkommenen Kreisen, sondern berechenbaren Bahnen folgten. Damit korrigierte und vertiefte er das heliozentrische Modell von Kopernikus und legte eine wichtige Grundlage für die spätere Physik Isaac Newtons.

Ein Wendepunkt im Denken

Die Welt wurde nicht länger als schlicht gottgegebene Ordnung verstanden, sondern zunehmend als beobachtbare, messbare Realität, deren Gesetzmäßigkeit nicht durch kirchliche Autorität festgelegt war.

In dieser Verschiebung liegt mehr als wissenschaftlicher Fortschritt. Während Europa begann, den Himmel zu vermessen, entstand zugleich der Anspruch, auch die Erde zu ordnen. Beobachtung wurde zur Grundlage von Wissen, und Wissenschaft immer stärker zur Grundlage von Macht.

Michel de Montaigne schrieb um 1580 in seinem Essay Über die Menschenfresser, dass wir nur das barbarisch nennen, was nicht unseren eigenen Gebräuchen entspricht. Er hielt den Europäern die Grausamkeit ihrer eigenen Kriege und Folterpraktiken vor. Der Vorwurf des „Kannibalen“ dient bei ihm vor allem dazu, den Anderen zu entmenschlichen und Gewalt zu rechtfertigen. Das eigentliche Grauen liegt für Montaigne nicht bei den Indigenen, sondern in der europäischen Praxis von Folter und Ausrottung.

Galileo Galilei gab dieser neuen Haltung die entscheidende wissenschaftliche Form. Er behauptete, das „Buch der Natur“ sei in der Sprache der Mathematik geschrieben. Damit vollzog er eine radikale Unterscheidung zwischen den messbaren Eigenschaften der Materie, wie Größe und Gewicht, und den bloß empfundenen Qualitäten wie Farbe, Geschmack oder Duft. Was sich nicht berechnen lässt, verliert an Wirklichkeit.

Die Natur verliert ihre Sinnlichkeit; sie ist immer weniger ein „Du“, das zu uns spricht, und zunehmend ein stummes Objekt, das sich in Formeln fassen lässt. Mit Galilei verdichtet sich eine Denkweise, die sich bereits zuvor angekündigt hatte und später durch Descartes, Bacon und Newton weitergeführt wurde: die Überzeugung, dass die Welt dort am verlässlichsten erkennbar ist, wo sie sich messen, berechnen und mathematisch beschreiben lässt.

1633 wurde Galileo von der Inquisition verurteilt, weil er die Bewegung der Erde um die Sonne verteidigte. Nur vier Jahre später veröffentlichte Descartes seinen Discours de la méthode. Die Welt, wie man sie kannte, war nicht mehr sicher.

Emanzipation und Entfremdung

Die Reformation entzauberte viele sakrale Bräuche und verlagerte einen Teil der religiösen Erfahrung in das Gewissen des Einzelnen. Der Mensch gewann Eigenverantwortung und Gewissensfreiheit; er durfte und musste die Bibel nun selbst lesen und sich unmittelbar mit seinem Glauben auseinandersetzen. Zugleich verlor die Welt in Teilen des reformatorischen Denkens ihre sakrale Durchdringung und wurde mehr und mehr zum Schauplatz von Arbeit, Pflicht und Gehorsam.

Die Reformation war nicht der Ursprung dieser Entwicklung, doch sie verstärkte eine Verschiebung, die bereits begonnen hatte: Der Geist zog sich zunehmend aus der äußeren, sakral gedeuteten Welt in das Innere des Individuums zurück.

Der Calvinismus machte das Heil zu einer Aufgabe des Einzelnen. Arbeit und Erfolg galten als Beweis der Erwählung, die Natur wurde zur leeren Bühne, und der Einzelne tauschte die Geborgenheit der Kirche gegen die einsame Freiheit der Selbstverantwortung.

Über Jahrhunderte hinweg hatte der katholische Glaube ein unerschütterliches Fundament geboten: Die Welt war gottgegeben, fest gefügt und überschaubar. Die Spaltung der Kirche durch die Reformation und die darauffolgenden verheerenden Kriege machten diese Gewissheit zunichte. Wenn der Nachbar plötzlich zum feindlichen Ketzer wurde und Christen im Namen desselben Gottes einander bekämpften, geriet der Glaube selbst in die Krise. Das Volk erlebte eine bis dahin unvorstellbare geistige Orientierungslosigkeit.

Die Autorität der Kirche war erschüttert, denn sie hatte sich als unfähig erwiesen, Frieden zu stiften; im Gegenteil, sie hatte den Krieg aktiv befeuert. Der Papst rief die katholischen Fürsten zum unerbittlichen Kampf gegen die vermeintlichen Ketzer auf, während sich die protestantischen Fürsten ihrerseits als auserwählte Werkzeuge Gottes verstanden. Indem beide Seiten die alleinige Wahrheit für sich beanspruchten, verweigerten sie jeden Kompromiss und trieben den Kontinent weiter in die Spaltung.

Was als Luthers Kritik am Ablasshandel und an der päpstlichen Autorität begann, endete in einer Jahrhundertkatastrophe, die Europa verwüstete.

Die Hexenverfolgungen

Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung waren die großen europäischen Hexenverbrennungen kein Phänomen des „finsteren Mittelalters“. Ihren Höhepunkt erreichten sie in der Frühen Neuzeit, besonders zwischen dem späten 16. und der Mitte des 17. Jahrhunderts. Zehntausende Menschen wurden als Hexen verfolgt und hingerichtet, die meisten von ihnen Frauen.

Die Ursachen waren vielfältig. Religiöse Konflikte, dämonologische Vorstellungen, lokale Machtverhältnisse, soziale Spannungen, Kriege, Hunger und die zunehmende Durchsetzung staatlicher und kirchlicher Autorität wirkten zusammen. Zugleich gerieten Wissensformen und Lebensweisen unter Druck, die sich neuen Ordnungen nur schwer unterwerfen ließen. Über Generationen weitergegebenes Wissen über Pflanzen, Heilmethoden, Geburt und den menschlichen Körper beruhte vielfach auf Erfahrung und unmittelbarer Beobachtung.

Frauen spielten bei der Weitergabe dieses Wissens in vielen Gemeinschaften eine wichtige Rolle.

In dieser Epoche veränderte sich das Verhältnis zwischen anerkanntem und nicht anerkanntem Wissen. Medizin und Naturforschung wurden zunehmend institutionalisiert und professionalisiert. Wissen wurde systematisiert und stärker an Institutionen gebunden, während manche lokale und mündlich überlieferte Formen des Erfahrungswissens an gesellschaftlicher Autorität verloren.

Auch das europäische Naturverständnis wandelte sich. Neben älteren Vorstellungen von einer lebendigen Natur gewann ein mechanistisches Weltbild an Bedeutung. Die Natur konnte vermessen, mathematisch beschrieben und als Gegenstand menschlicher Erkenntnis betrachtet werden.

Die Hexenverfolgungen waren dabei kein bloßes Instrument dieses Wandels, doch sie gehören in dieselbe widersprüchliche Epoche: Die frühe Moderne entstand nicht durch Bruch mit dem Alten, sondern durch Widerspruch. Wissenschaftliche Erkenntnis und religiöser Fanatismus, neue Freiheiten und neue Formen der Kontrolle, die Erweiterung des Wissens und die Ausgrenzung anderer Wissensformen existierten nebeneinander.

Im Himmel wie auf Erden

Während Teleskope den Himmel vermessen und Mathematiker die Natur in Formeln fassten, vollzog sich auf der Erde eine andere, nicht minder folgenreiche Form der Abstraktion: Reale Natur, menschliche Arbeit und materielle Güter wurden zunehmend in Geldwerte, Kredit und handelbares Kapital übersetzt.

Eine der großen Ironien dieser Epoche besteht darin, dass die Neue Welt unter dem Vorwand der christlichen Mission unterworfen wurde, im Namen des einzig wahren Gottes. Doch in Europa bekämpften sich die Anhänger eben dieses Gottes in blutigen Religionskriegen, finanziert mit Silber, das man jenseits des Ozeans unter demselben Kreuz angeeignet hatte.

Eine gewaltige Quelle dieses neuen Reichtums lag jenseits des Atlantiks. In den 1540er Jahren wurden in den Minen von Zacatecas und Potosí immense Silbervorkommen entdeckt und in einem bis dahin kaum gekannten Ausmaß gefördert, unter Bedingungen extremer Ausbeutung und Gewalt. Der „reiche Berg“ wurde zu einem der bedeutendsten Zentren der kolonialen Silberproduktion und zu einem Knotenpunkt einer Wirtschaft, deren Verbindungen bald große Teile der Welt umspannten.

Zu dieser Zeit verschärften sich in Europa die Konfessionskonflikte dramatisch. Die Entdeckung des amerikanischen Silbers fiel zeitlich zusammen mit der Reformation Luthers von 1517, der Spaltung der Kirche und dem Beginn der habsburgischen Gegenreformation.

Die habsburgischen Kaiser, allen voran Karl V. und sein Sohn Philipp II., verstanden sich als weltliche Arme der katholischen Kirche. Sie sahen sich berufen, den Protestantismus mit aller Macht zu bekämpfen und die Ketzer mit dem Schwert zu verfolgen

Der Königliche Fünftel

Die habsburgischen Herrscher waren jedoch chronisch hoch verschuldet. Die großen Bankhäuser wie die Fugger, die Welser und genuesische Handelsfamilien hatten ihnen bereits gewaltige Summen geliehen. Das Silber aus Übersee war daher nicht nur Beute; es wurde zur Grundlage ihrer Kreditwürdigkeit.

Die Spanische Krone beanspruchte als Gegenleistung für die Missionierungserlaubnis, das sogenannte Patronato Real, ein Fünftel aller Edelmetallfunde: den Quinto Real. Dieses königliche Fünftel floss direkt in die Kassen der Söldnerführer, in die Arsenale von Mailand und Neapel sowie in die Kriegsflotten, die gegen die protestantischen Mächte eingesetzt wurden.

Die protestantischen Fürsten im Reich, die sich dem Kaiser entgegenstellten, bekämpften damit nicht nur einen religiösen Gegner, sondern eine Macht, deren Söldner und Kanonenkugeln mit amerikanischem Silber finanziert wurden.

Die Lebensader der Macht

Die Silberflotten, die jährlich in Cádiz anlegten, wurden im 16. Jahrhundert zur Lebensader der habsburgischen Politik. Ohne die Erträge aus Potosí wäre die Politik Philipps II. in dieser Form kaum denkbar gewesen. Und ohne diese Ressourcen hätte der Achtzigjährige Krieg einen anderen Verlauf genommen.

Mit ihm hing auch die Entstehung eines unabhängigen Holland zusammen, das wenig später selbst zur Kolonialmacht aufstieg und die Konkurrenz um globale Macht neu ordnete. Die Geschichte von Reformation und Gegenreformation ist daher nicht nur eine Geschichte der Theologie und der Buchdruckerkunst. Sie ist ebenso die Geschichte eines weltweiten Raubzugs, dessen Erträge Konflikte in diesem Ausmaß überhaupt erst ermöglichten.

Das koloniale Silber lieferte den finanziellen Treibstoff für den Dreißigjährigen Krieg, der den europäischen Kontinent weitgehend verwüstete. Die Neue Welt diente der Kirche nicht nur als Seelenfang, sondern auch als Geldquelle. Mission und Kriegskasse waren zwei Seiten derselben Medaille.

Für Gott und Geld

Der in den Anden und in Mexiko extrahierte Reichtum veränderte nicht nur die Kriegsführung; er transformierte die gesamte europäische Wirtschaft. Die Mengen an Silber und Gold, die Spanien im 17. Jahrhundert aus Amerika bezog, sind sehr gut dokumentiert.

In normalen Jahren verließen zwei große Flotten Amerika: eine von Veracruz in Mexiko, eine von Portobelo in Panama. Jede bestand aus 15 bis 30 Schiffen, was auf ein Jahrhundert gerechnet auf knapp 5.000 Transatlantikpassagen hinausläuft, wenn man die Ausfälle durch Krieg, Piraterie und Stürme mit einbezieht.

Silber- und Goldbarren sowie Münzen machten pro Schiff meist 100 bis 200 Tonnen des Frachtgewichts aus, gut gesichert im tiefsten Rumpf der Galeonen. Wenn eine Flotte im Hafen von Sevilla einlief, bewegte sie auf einen Schlag eine gewaltige Menge Kolonialgüter und Edelmetall nach Europa.

Zwischen 1500 und 1800 produzierten die spanisch-amerikanischen Minen (vor allem Potosí im heutigen Bolivien und Zacatecas in Mexiko) schätzungsweise 150.000 bis 170.000 metrische Tonnen Silber, wobei der größte Teil, etwa 70 bis 80 Prozent aus Potosí stammte. Das erbeutete Gold wird auf über 1000 tonnen geschätzt.
Diese Zahlen stellen offizielle Register und realistische Schätzungen dar. Sie erfassen nicht den massiven Schmuggel, die Korruption oder das nicht dokumentierte Einschmelzen von Gold und Silbergegenständen, sodass die tatsächliche Produktion höher lag.

Wenn man die „Almacenes“, die imposanten Tresorgewölbe in der Festung Real Felipe in Callao gesehen hat, begreift man die Dimensionen dieser gigantischen Operation: hallende Räume von immenser Größe, erbaut für den einzigen Zweck, das Silber und Gold der Anden zu stapeln, bevor es mit der Atlantikflotte nach Europa verschifft wurde.

Silber und Schuld

Die Silberflut ließ die Preise in Europa zwischen 1540 und 1640 stark ansteigen, besonders bei Grundnahrungsmitteln. Dies belastete die städtischen Unterschichten und setzte auch die ländliche Bevölkerung unter Druck. Für Spanien selbst erwies sich der Reichtum aus Übersee eher belastend als nachhaltig, da die Kaufkraft des Silbers mit der Inflation sank. Trotz der Zuflüsse musste die spanische Krone im 17. Jahrhundert mehrfach den Staatsbankrott erklären: 1607, 1627, 1647 und 1662.

Ein großer Teil des Silbers verblieb zudem nicht im Land. Es floss über die Krone unmittelbar an deutsche und genuesische Bankhäuser, die die Kriege finanzierten, sowie an ausländische Lieferanten der Armeen. So gingen etwa 1590 von 11 Millionen angekommenen Pesos rund 6 Millionen direkt nach Italien, um Militärausgaben und Importe zu decken.

Der Vorwand der Mission

Die spanische Krone rechtfertigte ihre Eroberungen mit dem Auftrag, den christlichen Glauben zu verbreiten. Die Bekehrung der indigenen Bevölkerung wurde zur moralischen Legitimation der Kolonisierung. Zugleich standen hinter diesem Anspruch jedoch handfeste wirtschaftliche und machtpolitische Interessen.

Die theologische Akrobatik der Kirche lieferte den geistigen Überbau für die koloniale Expansion. Die Indigenen wurden als Heiden, als Unmündige oder als von Gott Verlassene dargestellt, als Menschen, die der Rettung durch die Europäer bedurften. Diese Argumentation machte aus der Eroberung eine Pflicht, aus der Unterwerfung einen Akt der Barmherzigkeit.

Dasselbe Silber, das die Mission in Übersee trug und legitimierte, finanzierte auch die Kriege in Europa, auch gegen andere christliche Mächte. Ein prägendes Merkmal dieser Epoche liegt darin, dass christliche Nächstenliebe faktisch häufig auf die eigene Konfession begrenzt blieb, während die Ressourcen der Neuen Welt genutzt wurden, um religiöse und politische Konflikte im eigenen Raum auszutragen. Wer die Schatzkammern kontrollierte, kontrollierte die Waffen; wer die Artillerie kontrollierte, konnte den Anspruch erheben, im Namen Gottes zu handeln.

Die Revolten, Bilderstürme und Belagerungen in Europa waren nicht allein Glaubenskriege. Sie wurden auch von Ressourcen genährt, die in Übersee mit Gewalt extrahiert worden waren. Was wie ein Religionskrieg erschien, war zugleich ein Kampf um Macht und Reichtum, befeuert von kolonialem Silber und bezahlt mit indigenem Blut.

Widerspruch und Gewissheit

Während diese Auseinandersetzungen geführt wurden, waren die Gesellschaften der Neuen Welt massiver Gewalt ausgesetzt: Unterdrückung, Zwangsarbeit und eingeschleppte Krankheiten führten zur Dezimierung oder Zerstörung ganzer Bevölkerungen und zur Zerrüttung sozialer Strukturen.

Darin tritt ein grundlegender Widerspruch der Epoche klar hervor: Ein religiöser Anspruch, der universelle Geltung beanspruchte, wurde in der Praxis mit Mitteln durchgesetzt, die ihm eindeutig widersprachen.

Bartolomé de Las Casas

Als Teilnehmer an der Eroberung Kubas war er selbst Konquistador und besaß eine Encomienda, ein Stück Land mitsamt der darauf lebenden indigenen Bevölkerung, die zur Zwangsarbeit verpflichtet war. Seine Wende begann 1511, als der Dominikaner Antonio de Montesinos in einer berühmten Predigt die Kolonisatoren anklagte und die Beichte verweigerte. Daraufhin gab er seine Ländereien und die ihm zugeteilten Indianer zurück und begann sein Leben dem Kampf für ihre Rechte zu widmen.

In seinen Schriften, vor allem in der Kurzgefassten Geschichte der Zerstörung der Indias, prangerte er die Grausamkeiten der Konquistadoren an, die er als Augenzeuge erlebt hatte.

Er schrieb schon 1552 in seinem Bericht:

„Die Christen fingen damit an, dass sie den Indianern ihre Frauen und Kinder entrissen, sich ihrer bedienten und sie misshandelten. … Sie drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf und hieben alle in Stücke…“

Und über die grausamen Hinrichtungen schreibt er:

„Sie bauten große Galgen, die so beschaffen waren, dass die Füße der Opfer beinahe den Boden berührten und man jeweils dreizehn von ihnen henken konnte, und zu Ehren und zur Anbetung unseres Heilands und der zwölf Apostel legten sie Holz darunter und zündeten es an, um sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen.“

(Brevísima relación de la destrucción de las Indias, Sevilla 1552)

Alle Völker der Welt sind Menschen

Mit dem Satz  stellte Bartolomé de Las Casas im 16. Jahrhundert eine Überzeugung infrage, die den Eroberern als moralische Rechtfertigung diente. Seine Worte richteten sich nicht nur gegen die Gewalt der Konquistadoren, sondern auch gegen die Vorstellung, dass der Wert eines Menschen von Herkunft, Religion oder Kultur abhänge. Für seine Zeit markiert dies eine frühe und bemerkenswert klare Form der Argumentation für eine universelle menschliche Würde.

Dennoch setzte sich die koloniale Expansion fort. Mission, kommerzielle Interessen und militärische Gewalt blieben eng miteinander verbunden.

Die Illusion der Weltbeherrschung

Diese massive Silberflut hinterließ ihre Spuren nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern prägte auch das Gesicht des Kontinents. Das Barockzeitalter verwandelte den angehäuften Reichtum in eine beispiellose Kulisse aus Gold, Stein und Illusion.

Die gewaltigen Schlossanlagen absolutistischer Herrscher und die überbordend verzierten Kathedralen der Gegenreformation dienten als steingewordene Propaganda. Sie sollten die Untertanen nicht nur beeindrucken, sondern durch Pracht und Überwältigung die Ordnung der Dinge als natürlich und gottgewollt erscheinen lassen.

Der Barock bediente sich einer Fülle kostbarer Materialien: Marmor, Gold, edler Hölzer und seltener Pigmente. Die opulenten Altäre in Sevilla, Rom oder Wien waren keine unschuldigen Zeugnisse der Frömmigkeit, sondern glänzende Trophäen einer Weltordnung, die koloniale Gewalt und innere Verarmung in Machtarchitektur verwandelte. Das Elend der Indios in Amerika und die Armut der eigenen Landbevölkerung wurden in Gold gegossen, um die absolute Macht von Kirche und Krone als unantastbar in Szene zu setzen.

Der zerbrochene Traum

So stand Europa am Ende des 17. Jahrhunderts in einer Trümmerlandschaft, die es sich selbst geschaffen hatte, bezahlt mit dem Leid indigener Menschen und dem Elend der eigenen Bevölkerung. Das Silber aus Amerika war verschwunden, die Kassen der spanischen Krone leer. Während Finanz und Handel reicher wurden, versickerte der Reichtum in Kriege, Prunk und den Traum von der Weltherrschaft.

Die Städte lagen vielerorts in Schutt und Asche, die Felder waren verwüstet, die Bevölkerung dezimiert. Der eigene Glaube wurde infrage gestellt, und das Vertrauen in die Kirche war tief erschüttert. Während der Adel in Madrid und Versailles Feste feierte und die Intellektuellen über Menschenrechte diskutierten, hungerten die Bauern auf dem Land, und die Monarchen rüsteten schon für die nächsten Kriege.

Der Verlust alter Gewissheiten

Während die alten Gewissheiten zerbröckelten, entstanden neue Ordnungen, die Wissen, Macht und wirtschaftliche Interessen auf bislang ungeahnte Weise miteinander verbanden.

Die Kolonisierung der Neuen Welt und das Wissen um die Existenz bisher unbekannter Zivilisationen wirkten wie ein Schock auf das europäische Selbstverständnis. Plötzlich gab es ganze Kontinente voller Menschen, die in der Bibel nie erwähnt worden waren.

Diese Begegnung mit dem Fremden zwang die Europäer zu der Erkenntnis, dass ihre Welt nur ein Teil eines viel größeren Ganzen war. Einerseits nährte dies einen gefährlichen zivilisatorischen Hochmut, andererseits keimte erstmals der Gedanke auf, dass die eigene Lebensweise nicht die einzig denkbare war.

Der Geist des Kapitals

Der Aufstieg der Handelskompanien und die Kommerzialisierung der Wirtschaft veränderten das Denken der städtischen Eliten grundlegend. Arbeit und Natur wurden zunehmend unter dem Aspekt des Nutzens und der Beherrschung betrachtet. Die Angehörigen der aufstrebenden Oberschicht definierten ihren gesellschaftlichen Wert nicht mehr allein über den angestammten Stand, sondern zunehmend über wirtschaftlichen Erfolg.

Nach 1648 hatte sich in den Zentren von Wissenschaft, Politik und Handel zunehmend eine neue Sicht auf die Welt durchgesetzt. Die Rohstoffe und die in den Kolonien lebenden Menschen wurden immer mehr als verfügbare Ressourcen betrachtet. Zugleich entwickelten Kaufleute und Staaten Methoden, um Kontrolle und Unterdrückung systematisch und mit skrupelloser Härte durchzusetzen.

Diese Vorgehensweise erzeugte nicht nur enorme Macht und Profite, sondern schuf zugleich die strukturellen Voraussetzungen für eine weitergehende wirtschaftliche Ausbeutung und politische Beherrschung.

Denn in den Kolonien war etwas Entscheidendes gelernt worden: wie sich Menschen systematisch beherrschen ließen. Enteignung, die Zerlegung der Arbeit in isolierte Teilschritte und starre Hierarchien bildeten ein System, das kaum Raum für Selbstbestimmung ließ. Gerade darin lag seine Wirksamkeit.

Nach 1700 wurden dieselben Techniken systematisch nach Europa reimportiert.

Die Privatisierung von Gemeindeländern in England und Kontinentaleuropa vernichtete die Gemeindewirtschaft; Millionen wurden entwurzelt. Fabriken entstanden nicht als technische Notwendigkeit, sondern als Kontrollinstrument nach kolonialem Vorbild. Der europäische Arbeiter war das neue Subjekt kolonialer Ausbeutung, nur diesmal auf eigenem Boden

Was als Herrschaft über ferne Territorien begann, kehrte als Prinzip sozialer Kontrolle nach Europa zurück. Die Ironie: Im Bemühen, die Welt zu unterwerfen, kolonisierte sich Europa selbst.

Die frühe Globalisierung

Die Geschichte der East India Company verdeutlicht, dass die Entstehung der modernen Weltwirtschaft keine neutrale Erfolgsgeschichte war. Sie beruhte vielfach auf Zwang, extremer Ungleichheit und skrupelloser Machtpolitik.

Die Silberminen von Potosí und Zacatecas lieferten das Edelmetall, mit dem Europa seinen Handel mit Asien finanzierte. Ohne das Silber aus der Neuen Welt hätte die East India Company ihre Expansion nach Indien und China kaum in diesem Ausmaß verwirklichen können. Das amerikanische Silber wurde damit zu einem der wichtigsten Treibstoffe des ersten globalen Handelsimperiums.

Das amerikanische Silber wurde in Indien gegen Baumwollstoffe und andere Waren eingetauscht, später in China gegen Tee und Porzellan. Diese Güter gelangten anschließend nach Europa und in die nordamerikanischen Kolonien. So verband ein weltumspannender Handelskreislauf erstmals Amerika, Europa und Asien dauerhaft miteinander.

Nicht alles, was später als natürliche Entwicklung dargestellt wurde, war Fortschritt für alle; in den meisten Fällen bedeutete es Fortschritt für einige, und für viele bedeutete es Enteignung, Vertreibung und die systematische Verweigerung von Selbstbestimmung.

Die Aufklärung

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts begannen sich in den Universitäten und Gelehrtenkreisen Nordwesteuropas jene Ideen herauszubilden, aus denen sich im folgenden Jahrhundert die Aufklärung entwickelte.

Es entstand ein neues Selbstverständnis des Menschen. Nicht mehr Offenbarung und Autorität, sondern die eigene Vernunft sollte fortan Maßstab des Denkens und Handelns sein. Der Mensch könne aus eigener Kraft die Welt erkennen und gestalten, so die Überzeugung der Aufklärer, vorausgesetzt, er befreie sich von Vorurteilen und kirchlicher Bevormundung.

Diese Ideen waren jedoch kein Allgemeingut, sondern Privileg einer winzigen Minderheit. Die Aufklärung lieferte nicht nur die Ideale von Freiheit und Gleichheit, sondern auch die Kategorien, mit denen Menschen in „zivilisiert“ und „unzivilisiert“ eingeteilt wurden, und sie gab der Unterdrückung eine scheinbar vernünftige, wissenschaftliche Legitimation.

Sie erreichten nur einen winzigen Bruchteil der Bevölkerung: gebildete Bürger, reformwillige Adlige, wohlhabende Kaufleute und einzelne Geistliche. Die große Mehrheit, Bauern, Tagelöhner, Handwerker und Frauen hatten weder Zugang zu den Schriften der Philosophen noch die Muße, über Vernunft und Menschenrechte zu philosophieren. Für sie blieb die Welt, wie sie war: geprägt von harter Arbeit, kirchlicher Autorität und den unverrückbaren Hierarchien von Stand und Geschlecht.

Der universalistische Anspruch der Aufklärung war von Beginn an größer als ihre gesellschaftliche Reichweite. Und doch entfaltete er eine Sprengkraft, die die bestehenden Verhältnisse herausfordern sollte. Die Vernunft wurde zur Waffe gegen die Dogmen der Kirche und die alte Ordnung, zunächst jedoch in den Händen jener, die bereits Macht und Bildung besaßen.

Sie war ein Elitenprojekt, das erst später, auf Umwegen, die breite Bevölkerung erreichte. Und sie blieb, selbst dann, ein unvollendetes Projekt.

Lesen Sie in Teil V:

In diese aufgerissene Landschaft trat René Descartes.
Er sollte das philosophische Fundament für eine neue Ordnung liefern.
Sein Ziel: absolute Gewissheit. Doch der Preis war hoch.

Autor Rolf Friberg.

Rolf FribergFriberg