Gino Ceccarelli – „Die Entdeckung des Amazonas.“ Die Aneignung Amerikas war nicht nur die Begegnung zweier Kulturen, sondern auch die Kollision zweier Weltbilder.

Die Erweiterung des Seins,

Teil 2: Europa 1492

Europa war um 1450 ein fragmentierter Kontinent, im Spannungsfeld zwischen mittelalterlicher Stabilität und neuzeitlichem Umbruch. Es war von Seuchen, Kriegen und brodelnder Unruhe gezeichnet. Die Menschen lebten wie ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gelebt hatten. Etwa 60 Prozent waren Bauern und Leibeigene, die für den Adel und die Kirche das Land bestellten.

Ihr Leben war kurz und hart. Krankheiten rafften ein Drittel der Kinder dahin, und selten wurde jemand älter als fünfundvierzig. Sie schliefen in rauchigen Hütten, besaßen kaum mehr als zwei Kleider und verließen selten den Ort, an dem sie geboren waren.

Die Welt war klein und hatte enge Grenzen, nicht nur auf der Landkarte, sondern auch im Denken.

Die Kirche hatte absolute Autorität. Sie bestimmte, was wahr war und was nicht. Sie erklärte die Natur, die Krankheiten, die Schicksalsschläge. Ein Hagel wurde als Gottes Strafe angesehen. Eine Missgeburt deutete man als das Werk des Teufels.

Wer zweifelte, riskierte nicht nur das Leben, sondern auch die ewige Verdammnis. Die Bibel war fast das einzige Buch, Latein die Sprache der Gebildeten, und der Priester das Fenster zur Welt. Alexander VI. (Der Spanier Rodrigo Borgia) war Pabst,.

Die kirchliche Korruption war sichtbar, und der Ablasshandel blühte.

Gottesfurcht und Neugier

Doch unter der Oberfläche rumorte es bereits. In Italien war die Renaissance in voller Blüte. Man entdeckte die Antike neu, man feierte den Menschen als Individuum und die Schönheit der Welt. Der Buchdruck, um 1450 entwickelt, begann Wissen in bisher unbekanntem Maß zu verbreiten. Humanisten studierten griechische und römische Texte, Kartographen zeichneten neue Karten, und Fürstenhöfe förderten Gelehrte, Künstler und Navigatoren. Es war eine Übergangszeit. Mittelalterliche Stukturen hatten weiterhin bestand und Fürsten suchten neue Einnahmequellen, um Kriege und Höfe zu finanzieren.

Das Denken der Eliten blieb weiterhin tief religiös: Geschichte erschien ihnen als Teil eines göttlichen Plans. Während die alte Feudalordnung noch mit Natur und Kosmos verbunden war, näherte sich am Horizont bereits eine neue Epoche.

Seit dem späten Mittelalter war Europa fasziniert von den sagenhaften Reichtümern Indiens und Chinas: von Gewürzen, Seide, Gold und Edelsteinen. Die Sehnsucht nach dem Osten wuchs, und mit ihr das begehren nach den Schätzen, von denen Marco Polo erzählt hatte. Stadtstaaten wie Florenz, Mailand und Genua blühten kulturell und wirtschaftlich auf.

Die Hanse mit Lübeck, Brügge und Hamburg betrieb den Nord- und Ostseehandel. Venedig dominierte den Mittelmeerhandel mit Gütern aus Afrika und Asien. Der Florin und der venezianische Dukat waren die ersten Hartwährungen.

Ein Kontinent des Handels

Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen kontrollierten sie die traditionellen Landwege, die Seiden- und Gewürzstraße nach Asien. Sie erhoben Zölle und bestimmten, wer passieren durfte. Der Handel wurde für viele europäische Kaufleute abhängig von Zwischenhändlern und dadurch teurer, langsamer und riskanter. Genau diese Situation machte die Idee attraktiv, den Seeweg westwärts über den Atlantik zu finden, um Indien und die Gewürzinseln direkt zu erreichen.

Die Portugiesen erkundeten Afrikas Küste bereits seit 1440, auf der Suche nach Gold, Elfenbein und Sklaven. Sie etablierten ein ganzes Handelsnetzwerk. An der afrikanischen Küste errichteten sie Handelsstützpunkte wie Arguim (1443) oder Elmina (1482), von denen aus sie die gefangenen Menschen erwarben. Die größte Zahl ging direkt nach Lissabon, Sevilla und Cádiz. Dort arbeiteten sie als Hausangestellte, Handwerker, Hafen- und Transportarbeiter. Im frühen 16. Jahrhundert bestanden bis zu 10% der Bevölkerung Lissabons aus Menschen afrikanischer Herkunft. Auf den von Portugal kolonisierten Inseln wie Madeira (ab ca. 1455), den Kapverden und São Tomé entstand ein neues, brutales Wirtschaftsmodell: die mit Sklavenarbeit betriebene Zuckerrohrplantage.

Auch suchten sie nach einer Passage nach Indien. Bartolomeu Dias beweist 1488, dass Afrika eine Südspitze hat, und umrundet das Kap, doch Erschöpfung und fehlende Vorräte zwangen ihn zur Umkehr. Er segelte nicht nach Indien, aber er bewies, dass es einen Seeweg dorthin gab.

Die Bedrohung war klar. Königin Isabella von Spanien wusste: Portugal hatte Indien fast schon erreicht Sie erklärt 1492: „Wenn Portugal Afrika hat, brauchen wir den Westen.” Spanien geriet unter Zeitdruck und entsendete Kolumbus. Er erreicht 1492 Amerika und glaubte in Indien zu sein. Vasco da Gama segelte 1497 um den Kap der Guten Hoffnung nach Calicut und etablierte 1498 den Handel mit Indien.

Die erste Reise von Kolumbus

Kolumbus und seine 90 Männer segelten zwei Monate auf dem Ozean. Sie wussten nicht, was vor ihnen lag, hatten keine Karten, und waren nur getragen von der Hoffnung, einen Seeweg nach Indien zu finden. Doch sie landeten in Guanahani, einer Insel der Bahamas. Sie nahmen sie im Namen der spanischen Krone umgehend in Besitz und tauften sie San Salvador.

Kolumbus brach nicht auf, um eine neue Welt zu entdecken. Er suchte nach Indien, das er aus den Berichten Marco Polos zu kennen glaubte, und nannte seine Bewohner „Indios“.

Er starb 1506, überzeugt, den Seeweg westwärts nach Indien gefunden zu haben, ohne je zu erfahren, dass er auf einen noch unbekannten Kontinent gestoßen war.

Amerigo Vespucci

Es war der Florentiner Amerigo Vespucci, der nach seinen Reisen entlang der südamerikanischen Küste (um 1500) als erster erkannte, dass es sich bei diesen Landmassen um einen neuen Kontinent handeln müsse. Der erste Hinweis darauf war der Fluss Orinoco. Er stellte fest, dass dieser so gewaltig war, dass das Land, aus dem er kam, ein ganzer Kontinent sein müsse. Ein Fluss dieser Größe konnte es auf einer asiatischen Inselkette nicht geben.

Die zweite Bestätigung ergab sich aus der Beobachtung der Sterne. Vespucci kartierte als erster Europäer das Kreuz des Südens (Crux) und die Sterne Alpha- und Beta Centauri. Diese Sternbilder sind nur südlich des Äquators sichtbar und daher in Europa unbekannt. Wenn dies Asien wäre, hätten asiatische oder arabische Seefahrer diese Sternbilder längst dokumentiert.

Mundus Novus

Er nannte ihn „Mundus Novus“ – die Neue Welt. Ihm zu Ehren wurde der Kontinent dann von einem deutschen Kartografen „Amerika“ getauft.

In seinem berühmten Brief Mundus Novus (1502/03) an Lorenzo di Pierfrancesco de‘ Medici schrieb Vespucci:

„Ich habe in diesem südlichen Land Dinge gesehen, die mit den Ansichten der Philosophen und Astronomen nicht übereinstimmen… Wir segelten so weit nach Süden, dass der Polarstern völlig verschwand und wir uns von den Sternen des Südens leiten ließen.“

Seine Schlussfolgerung war revolutionär:

„Diese Länder müssen wir die Neue Welt nennen, denn unsere Vorfahren hatten keine Kenntnis von ihnen, und für alle, die davon hören, ist es etwas völlig Neues.“ Denn dies übertrifft die Ansichten unserer Alten, da der größte Teil dieser Welt jenseits des Äquators liegt und das Südland (Terra Australis) so groß ist wie das Nordland“.

Die Vorstellung eines vierten Kontinents war für den damaligen europäischen Geist schlicht undenkbar. Das biblische Weltbild sprach von den, die man kannte: Europa, Asien und Afrika. Dass es dazwischen eine riesige Landmasse und Millionen von Menschen geben könnte, die in der Heiligen Schrift nicht erwähnt wurden, war ein Sakrileg am bestehenden Wissen.

Für viele Kleriker und Gelehrte war das zunächst unfassbar. Die Kirche geriet in Erklärungsnot.

Doch ihre Antwort ließ nicht auf sich warten. Papst Alexander VI. erklärte am 3.5.1493 die neu entdeckten Gebiete zu einem Raum, der in die bestehende christliche Ordnung einzufügen sei.

Daraus erhob sie das Recht, diese neue Welt zu verwalten, und die Pflicht, sie zu missionieren. Ihre Aufteilung erschien als Ausdehnung einer bereits bestehenden Ordnung auf einen bislang unbekannten Raum.

Für Gott, Ruhm und Reichtum

Ein Tag später, am 4.5.1493, in den päpstlichen Bullen Eximiae devotionis, und Inter caetera tat er etwas, das die Instrumentalisierung des Glaubens für die Machtinteressen der Kronen besiegelt: Er teilte den Planeten zwischen den beiden rivalisierenden Seemächten Spanien und Portugal auf.

Die Architektur der Enteignung

Der Papst zog eine imaginäre Linie von Pol zu Pol, etwa 100 Meilen westlich der Azoren. Alles, was westlich dieser Linie lag und nicht bereits im Besitz eines christlichen Herrschers war, „schenkte“ er den spanischen Königen. Alles östlich davon (einschließlich Afrikas und des späteren Brasiliens) ging an Portugal.

Die Aufteilung von einem noch unerschlossenen Kontinent mit einem Federstrich. Was auf den erste Blick wie eine „absurde Anmassung“ erscheinen mag, folgte der Logik seiner Zeit. Als Stellvertreter Christi auf Erden verstand sich der Papst als höchste Autorität einer universellen christlichen Ordnung. Aus dieser Position leitete er das Recht ab, über Gebiete zu verfügen, die weder ihm gehörten noch von ihm gekannt wurden.

Die Bulle Inter caetera verlieh der europäischen Expansion eine religiöse und rechtliche Legitimation. Die Aneignung von Territorien erschien nicht als Eroberung, sondern als Ausweitung einer bestehenden göttlichen Ordnung. Wer Land, Ressourcen und Herrschaft in Besitz nahm, verstand sich nicht als Räuber, sondern als rechtmäßiger Verwalter eines göttlichen Auftrags.

Es war in Wahrheit ein hochgradig rationales Kalkül. Die päpstliche Anordnung Inter caetera ist das unumstößliche Dokument für die Grundsteinlegung der Kolonisation: Es war die Geburtsstunde einer Allianz aus absolutem Machtstreben und systematischer Bereicherung, sanktioniert von der höchsten moralischen Instanz seiner Zeit.

Der Papst sah sich als Stellvertreter Christi auf Erden und damit als rechtmäßiger Verwalter des gesamten Planeten.

Diese Weltranschauung basierte auf der tiefen Überzeugung der europäischen Überlegenheit. Die Aneignung Amerikas durch Kirche und Krone wurde als göttlicher Auftrag getarnt. Wer den Reichtum der neuen Welt an sich riss, tat dies nun nicht mehr als Räuber oder Pirat, sondern als „Verwalter Gottes“.

Im Auftrag Gottes

Da die Bewohner der neuen Gebiete keine Christen waren, galten sie im Sinne des damaligen Völkerrechts als rechtlos. Sie wurden nicht als Mitmenschen oder Nachbarn wahrgenommen, sondern als bloße Objekte eines globalen Verwaltungsakts.

Ihr Land wurde behandelt, als wäre es verfügbar, als warte es nur darauf, in Besitz genommen zu werden. Dabei war Amerika keineswegs ein leerer Raum. Millionen von Menschen lebten dort seit Jahrtausenden. Sie bewohnten Städte, betrieben Landwirtschaft, unterhielten Handelsnetze und verfügten über politische und rechtliche Ordnungen. Die Menschen, deren Heimat vergeben wurde, waren an dieser Entscheidung nicht beteiligt.

Die Schenkung war an eine Bedingung geknüpft: Spanien und Portugal mussten die Bewohner zum katholischen Glauben bekehren. Das Seelenheil der Indios wurde zum moralischen Deckmantel für ihre physische und materielle Ausbeutung.

Sie wurden als Seelen definiert, die gerettet werden mussten, aber als Menschen, die kein Recht auf Eigentum oder Selbstbestimmung hatten. Dies war die moralische Lizenz für was folgte, im Namen eines „höheren Heils“. Es ist der ultimative Akt der Entfremdung: Die Trennung von Land und Recht, von Mensch und Heimat, durch eine abstrakte Linie auf einer Karte.

Das besiegelte Schicksal

Die Inter caetera war kein bloßes Dokument; sie war eine päpstliche Bulle (bulla papalis), ein Begriff, der sich von der Bulle, dem schweren päpstlichen Siegel, ableitet, das unumstößlich an dieser Anordnung absoluten Machtanspruchs hing.

In einem Palast im fernen Rom wurde das Schicksal von Millionen Menschen entschieden, ohne sie zu fragen, und ohne ihnen jegliches Recht einzuräumen.

Indem der Papst sein Siegel in das weiche Blei presste, stempelte er die neue Welt zur Beute.  Die Bulle machte Unrecht und Ausbeutung zu einer göttliche Mission.

Das päpstliche Selbstbewusstsein, die Welt per Federstrich zwischen Spanien und Portugal aufzuteilen, erklärt sich daraus, dass der Papst noch mit der ungeteilten Autorität des Stellvertreters Christi spricht. Es gibt noch keinen Luther, keinen Zwingli oder Calvin, keine theologische Infragestellung. Die Arroganz dieses Verwaltungsaktes basiert auf einer institutionellen Gewissheit, die wenige Jahrzehnte später zerbrechen wird.

Das Gold der Kolonien finanziert ab dem 16. Jahrhundert die Kämpfe, die aus dieser Spaltung entstehen. Aber der Grundstein der Kolonisation, die Inter caetera, wird in einem Moment gelegt, in dem die christliche Welt unter päpstlicher Führung noch geeint erscheint. Dieser sakrale Raubzug brauchte genau diesen Moment der ungebrochenen Autorität, um als Rechtsakt zu funktionieren.

Bulle Papalis Inter Caetera

Bulle Papalis Inter Caetera (1493) Das Dokument, mit dem Papst Alexander VI. die Neue Welt zwischen Spanien und Portugal aufteilte, wird heute nicht in Rom, sondern im Archiv von Sevilla aufbewahrt. Dort liegt noch immer jenes Pergament, an dem das päpstliche Bleisiegel hängt, mit dem über Kontinente verfügt wurde, die seine Verfasser nie gesehen hatten.

Mit Gottes Segen zur Plünderung

Die Bereitschaft, für Gold und strategische Dominanz die Zerstörung ganzer Zivilisationen in Kauf zu nehmen, war kein Kollateralschaden der Expansion, sondern der bewusst einkalkulierte Preis um die Vorherrschaft der westlichen Welt zu sichern.

Es war kein Zufall der Geschichte, dass der Weg in die europäische Moderne über in Asche gelegte indigene Kulturen führte. Die akkumulierten Reichtümer waren nicht die Ergebnisse eines organischen Fortschritts. Die Überzeugung, wonach das Recht des europäischen Ankömmlings das Existenzrecht des indigenen Bewohners grundsätzlich aufhob und für nichtig erklärte, wurde zur Grundlage einer neuen Weltordnung.

Die Inter caetera war die Quittung für eine Welt, die noch gar nicht vollständig entdeckt war. Sie bestätigt, dass die Entfremdung von der Natur und vom Mitmenschen kein schleichender Prozess war, sondern ein bewusst geplantes System. Man schuf die rechtliche Grundlage für einen Völkermord, bevor das erste Blut floss und nannte es ‚göttliche Ordnung‘.

Der Kolonialismus endete nicht, als die Flaggen der Invasoren eingeholt wurden. Er überlebte in der Art und Weise, wie Wissen organisiert, Fortschritt gemessen und die Erhebung über die Natur legitimiert wird. Die Offenlegung dieser tief verwurzelten Denkweise ist der erste Schritt zur Befreiung des eigenen Blicks und zur Wiedergewinnung der eigenen Wahrnehmung. Es geht darum, dieselbe Vorgehensweise nicht unter anderem Namen zu wiederholen.

Die Wahrung des Gesichts, „De Indis“ und „De iure belli“

Die Nachricht von der Existenz bislang unbekannter Länder und Völker jenseits des Atlantiks löste in Europa unter den gebildeten Theologen und Juristen intensive Diskussionen aus. Francisco de Vitoria (1483–1546) war Dominikaner, Professor und einer der zentralen Denker der Schule von Salamanca, dem geistigen Zentrum Spaniens. Sein Wirken revolutionierte nicht nur die Theologie, sondern legte auch die Grundsteine des modernen Völkerrechts.

Angesichts der Berichte über die Conquista begann er, sich mit den moralischen und rechtlichen Fragen der Entdeckungen auseinanderzusetzen. Vitoria argumentierte, dass die indigenen Völker über eigene Rechte und Besitzansprüche verfügten (dominium), die von niemandem willkürlich verletzt werden durften. In seinen Vorlesungen „De Indis“ und „De iure belli“ (1539) analysierte er die Eroberungen Spaniens und kritisierte sie als in den meisten Fällen ungerechtfertigt.

Vitorias Kritik kam nicht aus dem Nichts. Sie war die Antwort eines ernsthaften Denkers auf eine moralische Katastrophe, die sich vor aller Augen vollzog. Doch Kritik und Komplizenschaft schliessen sich nicht immer aus.“

Die Hintertür des Vorwands

Er argumentierte: Indigene sind vollwertige Menschen mit Eigentums- und Herrschaftsrechten.

Spanien hat kein Recht auf Eroberung allein durch Entdeckung oder den Anspruch auf Bekehrung.

Der Papst hat keine weltliche Macht über Nichtchristen. Krieg darf nur unter strengen moralischen Bedingungen geführt werden. Die universelle Würde aller Menschen musste anerkannt werden.

Francesco de Vitoria war sehr angesehen, Kaiser Karl V. konsultierte und protegierte ihn.

So öffnete Vitoria der Krone zugleich Hintertüren für die Kolonisierung: Er erlaubte Krieg zur Verteidigung des Rechts des freien Handels, der freien Predigt und des Kampfes gegen Kannibalismus und Menschenopfer. In diesen Fällen dürften spanische Interessen notfalls mit Gewalt durchgesetzt werden. Er schrieb: Wenn diese Rechte verweigert werden, „ist es legitim, Städte zu besetzen, Herrscher abzusetzen und Bevölkerungen gefangen zu nehmen“.(De Indis, Pars III, Abs. 1–4.)

Die universelle Würde aller Menschen, die er proklamierte, war somit nur gültig, soweit sie den europäischen Interessen nicht im Wege stand.

Die Inszenierung des Absurden

 

Die von Vitoria formulierten Ausnahmen, wie das Recht auf freien Handel oder die ungehinderte Predigt stellten die spanische Krone vor eine organisatorische Hürde:
Wie ließ sich im fernen Amerika zweifelsfrei feststellen, ob diese Rechte von der indigenen Bevölkerung verweigert wurden? Um den Krieg gegen jene, die sich der Kolonialisierung widersetzten, juristisch als ‚gerecht‘ einstufen zu können, bedurfte es eines formellen Nachweises der Ablehnung.

Die Lösung bestand in der Schaffung eines standardisierten Protokolls. Es sollte sicherstellen, dass die in der Expansion angewandte Gewalt nicht als willkürlicher Akt erschien, sondern als rechtmäßiges Verfahren dokumentiert wurde. Dieses Instrument, das die theologischen Argumente in eine bürokratische Handlungsanweisung übersetzte, war das Requerimiento von 1513.

Die Fortsetzung folgt in Teil 3: Das Requerimiento,
„Die Unterwerfungsaufforderung“

Autor Rolf Friberg

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